Heinrich von Kleists
und Henriette Vogels gemeinsamer Freitod als Muster-Suizid
Der Dichter stirbt und stirbt und stirbt
Heinrich von Kleist hat seinen Tod wie eine
Rakete in den Himmel der Kultur hinaufgeschossen, wo er seitdem als ewiges
Bild kreist. Ihm gelang, was anderen nicht gelang: Während er seinen eigenen
Tod «durchlebte», hat er ihn so von sich abgelöst, dass darin auch andere
die Möglichkeit ihres eigenen Todes entdecken können.
Kleist hat durch seinen Tod den Lebenden einen Dienst erwiesen. Welcher Art,
lässt sich schwer bestimmen. Dieser Tod hat etwas von einem Opfer an sich,
auch wenn nicht ganz klar ist, für wen oder was es erbracht wurde. «Ulrike
hat, dünkt mich, die Kunst nicht verstanden sich aufzuopfern, ganz für das,
was sich auf Erden erdenken lässt, ja worin der Himmel bestehen muss, wenn
es wahr ist, dass man darin vergnügt und glücklich ist», schrieb er, zwei
Tage vor dem Selbstmord. Er hingegen verstand etwas von Aufopferung. Und wie
bei jedem Opfer fiel auch bei ihm ein Gewinn ab - wenn auch für die
Überlebenden. Kleist selbst hat es natürlich kaum abgewogen. «Wie schwer ist
es, dass der Mensch recht abwäge, was man aufopfern muss gegen das, was zu
gewinnen ist!» Aber das sind schon Goethes Worte, aus dem Roman «Die
Wahlverwandtschaften».
Kein anderer Tod ist von der Literaturgeschichte so umsichtig und
ausschöpfend dokumentiert worden wie Heinrich von Kleists und Henriette
Vogels am 21. November 1811 am Ufer des Kleinen Wannsees bei Berlin
begangener gemeinsamer Selbstmord. Nur ein einziger Tod (der Neuzeit) kann
mit der nicht nachlassenden Aufmerksamkeit wetteifern, die dieser auf sich
gezogen hat: Werthers Selbstmord. Mit den Umständen sind wir, die Nachwelt,
noch näher vertraut als die Betroffenen selbst. Wir können den Stunden vor
ihrem Tod Minute für Minute nachspüren, können nachlesen, was sie vor dem
Abdrücken der Pistolen zu Papier gebracht haben, und man hat sogar in
Erfahrung gebracht, was sie verzehrt haben. Mit einem Wort, wir wissen
alles.
Kleist und Werther. Mit welchem Recht erwähnt man sie in einem Atemzug? Der
eine hat nachweislich gelebt, von der Existenz des anderen erfahren wir
bloss aus einem Roman. Am Schauplatz von Kleists Tod erhebt sich ein
Grabstein, zu dem noch heute jeder pilgern kann; wo jedoch Werthers Sarg
unter dem Schleier der Nacht ins Grab gesenkt wurde, bleibt ein ewiges
Rätsel. Und dennoch ist Kleists Leben durch Nachrichtenwesen und
Dokumentation genauso fiktiv geworden wie etwa das Kohlhaas'. Ich denke
dabei nicht an den «Tod des Autors», wie von Foucault herausgearbeitet,
sondern daran, dass die Dokumentation das Leben des Autors unweigerlich zu
einer Geschichte stilisiert hat. Der «Autor» eines literarischen Werkes ist
machtlos dagegen, dass er nach seinem Tod genauso zu einem fiktiven Helden
wird wie die durch ihn geschaffenen Figuren.
Aber kehren wir zurück zu den Lektüren. Genauer gesagt zu jenen Büchern, die
Werther beziehungsweise Kleist und Henriette Vogel vor ihrem Tod gelesen
haben. Kleist und Vogel vertieften sich in Goethe. Bevor sie sich das Leben
nahmen, lasen sie angeblich «Die Wahlverwandtschaften». Jenes Buch, das vom
Publikum - nach Goethes eigenem Bekunden - wie das Gewand von Nessos
empfangen wurde, dessen «Unmoral» Kleist und die verheiratete Henriette
Vogel jedoch kaum empört haben mag. Gewiss hätten sie Walter Benjamin
beigepflichtet, der hundert Jahre später über den Roman schrieb: «Kein
sittliches Problem ist hier die Ehe und auch kein soziales. Sie ist keine
bürgerliche Lebensform. In ihrer Auflösung wird alles Humane zur Erscheinung
und das Mythische verbleibt allein als Wesen.» Auch Frau Vogel und Kleist
haben ihre letzten Stunden wohl im Bannkreis mythischer Kräfte verbracht.
Ein paar Tage vor ihrem Tod schrieb Kleist seiner Schwägerin Marie von
Kleist: «Alles . . . auf Erden, das Ganze und Einzelne, habe ich völlig in
meinem Herzen überwunden.»
Bei der Lektüre des Romans muss ihnen aber auch Werther eingefallen sein. Am
Morgen ihres Selbstmordes schrieb Henriette Vogel an den Kriegsrat Ernst
Friedrich Peguilhen, einen Freund der Familie Vogel, einen Brief, der ebenso
gut von Werther hätte stammen können. Darin steht unter anderem: «Mein sehr
werter Freund! Ihrer Freundschaft die Sie für mich, bis dahin immer so treu
bewiesen, ist es vorbehalten, eine wunderbare Probe zu bestehen, denn wir
beide, nämlich der bekannte Kleist und ich befinden uns hier bei Stimmings,
auf dem Wege nach Potsdam, in einem sehr unbeholfenen Zustande, indem wir
erschossen da liegen, und nun der Güte eines wohlwollenden Freundes entgegen
sehen, um unsre gebrechliche Hülle, der sicheren Burg der Erde zu übergeben.
Suchen Sie liebster Peguilhen diesen Abend hier einzutreffen und alles so zu
veranstalten, dass mein guter Vogel möglichst wenig dadurch erschreckt
wird.»
Die Zeitgenossen empfanden diese Zeilen als einen Ausdruck von Zynismus.
Dabei hätten sie nur an «Die Leiden des jungen Werthers» denken müssen. In
seinen letzten Notizen an Wilhelm beziehungsweise Lotte steigert sich
Werther ähnlich in seinen eigenen Tod hinein und geniesst es geradezu, sich
seinen eigenen Zustand nach dem Selbstmord auszumalen. Nach dem Tod Kleists
und Vogels wurde unter den Zeitgenossen der Maler Friedrich Meier auf die
Parallele zu Werther aufmerksam: «Du musst . . . wieder den Werther lesen,
um zu lernen, wie man über dergleichen urteilen soll», schrieb er ein paar
Wochen nach dem Selbstmord an einen Bekannten.
Die Mehrzahl seiner Zeitgenossen begründeten Kleists Tat mit seiner
krankhaften Schwärmerei für die Dichtung. Sie verurteilten nicht nur Kleist
und Vogel, sondern zogen auch über die «neueste ästhetische Schule» her.
Aber in einem Punkt muss man auch den bösartigsten Kommentatoren Recht
geben: Während sie sich auf ihren eigenen Tod vorbereiteten, suchten sie
auch nach Mustern und Vorbildern. Der Selbstmord ist eine Spielart des
Dialogs mit der Welt, selbst wenn das Ziel gerade der endgültige Abbruch des
Dialogs ist.
Aber nicht nur Kleist, auch Werther suchte ein Vorbild und ein Muster. Als
er sich erschoss, lag «Emilia Galotti» aufgeschlagen auf seinem Schreibpult.
Jenes Drama, welches genauso mit dem Tod endet wie Werthers Leben. Zwar
nicht mit einem Selbstmord. Aber die Art, wie in dem Stück Odoardo in der
tiefsten Verzweiflung eines Vaters die eigene Tochter umbringt, statt ihrem
Verführer ein Ende zu setzen, kommt einem Selbstmord gleich - schliesslich
tötet er die Hoffnung seines eigenen Lebens. Trotz seiner aufrührerischen
Absicht handelt «Emilia Galotti» nicht vom Aufruhr, sondern von dessen
Unmöglichkeit. Jedenfalls mag das Werther aus ihm herausgelesen haben. Und
wenn er sorgfältig gelesen hat, ist ihm wohl auch nicht entgangen, dass auch
Lessings Heldin gern liest. Ihren Vater, der davor zurückschreckt, sie
umzubringen, ermuntert sie mit den Worten: «Ehedem wohl gab es einen Vater,
der seine Tochter von der Schande zu retten, ihr den ersten den besten Stahl
in das Herz senke - ihr zum zweiten das Leben gab. Aber alle solche Taten
sind von ehedem! Solche Väter gibt es keinen mehr!» (Aufzug 5, siebenter
Auftritt)
Der Tod als Lektüre. Erinnern wir uns: Werther hat nicht nur gelesen, er
wurde auch gelesen. Zum Beispiel von jenen Selbstmördern, die den Roman mit
dem Leben verwechselt haben. Werther hielt Einzug in die zeitgenössischen
Polizeiberichte und Zeitungsnachrichten, die Selbstmörder in die spätere
Literaturgeschichte und Goethe-Philologie. Auch Kleist und Henriette Vogel
erging es nicht anders: Ihr Tod wurde zu einer Geschichte verklärt. Und
natürlich wurden auch sie nachgeahmt: Die Geschichte «Das Märchen vom
gemeinsamen Tod Kleists und Vogels» diente als Grundlage neuer Selbstmorde,
die ihrerseits nicht ohne literarischen Einschlag waren. So plante Johannes
R. Becher, der spätere Poeta laureatus der DDR, mit seiner Geliebten 1910
einen gemeinsamen Selbstmord nach dem Muster Kleists. Sie starb, Becher
hingegen blieb am Leben, um ein Jahr später, zu Kleists 100. Todestag, seine
Kleist-Hymne zu verfassen, der noch mehrere Kleist-Gedichte folgten.
Auch Yukio Mishimas 1970 mit zwei Gefährten gemeinsam begangener Selbstmord
gemahnt an Kleists und Henriette Vogels gemeinsamen Tod. Wahrscheinlich hat
auch Mishima Kleist gelesen; von «Michael Kohlhaas» gibt es mehrere
japanische Übersetzungen. Aber wichtiger noch als die unmittelbare Wirkung
ist der Topos des gemeinsamen Selbstmordes, der die Tode in Tokio
beziehungsweise am Wannsee miteinander verbindet und sich als neuerliche
Lektüre über die einzelnen Todesfälle wölbt. Denn auch wenn Mishima Kleist
nicht gelesen haben sollte, kann ihm Chikamatsu Monzaemon (1653-1724) nicht
unbekannt gewesen sein. Chikamatsu hat elf Theaterstücke über den
Doppelselbstmord geschrieben, den er als höchsten Ausdruck gegenseitiger
Treue auf die Bühne gebracht hat. Kleist und Mishima, Werther und Emilia
Galotti, Johannes R. Becher und Chikamatsu - alle tun so, als achteten sie
ausschliesslich auf sich selbst, während sie heimlich auch nach den anderen
schielen und fleissig die Muster einstudieren. Sie werden beseelt von der
Fiktion «des Todes als erzählbarer Geschichte».
Kleist ging in Berlin bei der Familie Vogel aus und ein und musizierte
regelmässig mit der aussergewöhnlich gebildeten Frau Henriette Vogel.
Einmal, als Henriette sehr schön sang, bemerkte Kleist begeistert: «Das ist
zum Erschiessen schön!» Kurz darauf erwiderte sie, ob er ihr wirklich den
grössten Dienst erweisen würde, den man von einem Freund erwarten könne.
Kleist erwiderte, ja, worauf sie sagte: «Wohlan! So töten Sie mich! Meine
Leiden haben mich dahin geführt, dass ich das Leben nicht mehr zu ertragen
vermag.» Henriette hat Kleist «verführt»; das wäre ihr jedoch kaum gelungen,
wäre Kleist in der Seele nicht dazu bereit gewesen. Schliesslich war
Henriette Vogel nicht die Erste, mit der er gemeinsam sterben wollte - auch
mit Carl von Pannwitz, Henriette von Schlieben, Ernst von Pfuel, Rühle von
Lilienstern und Marie von Kleist wäre er gerne in den Tod gegangen.
Am Nachmittag des 20. November 1811 mieteten sich Kleist und Henriette Vogel
einen Wagen und fuhren in das am Kleinen Wannsee befindliche Gasthaus «Neuer
Krug». Sie mieteten sich zwei Zimmer, legten sich aber nicht schlafen; die
ganze Nacht schrieben, lasen und unterhielten sie sich. Frühmorgens um vier,
dann morgens um sieben liessen sie sich Kaffee bringen. Später bestellte
Henriette eine Tasse Fleischbrühe, und auf die Frage der Wirtin, ob sie zu
Mittag essen wollten, antwortete Kleist mit Nein, wobei er gleichsam vor
sich hin murmelnd hinzufügte, «auf den Abend wollten sie dafür desto besser
speisen». Sie brachen zu einem Spaziergang auf, in allerbester Stimmung;
später gingen sie zum See hinunter, Kleist bestellte mehrere Portionen Rum,
dann tranken sie wieder Kaffee. Am Mittag schickten sie mit einem Kurier
mehrere Briefe nach Berlin und erkundigten sich anschliessend mehrmals, ob
die Briefe die Adressaten wohl schon erreicht hätten. Am Nachmittag brachen
sie wieder zu einem Spaziergang auf mit einem von einem Tuch abgedeckten
Korb, in dem sich, wie sich später herausstellte, Pistolen befanden. Sie
bestellten eine Portion Kaffee zum Ufer, baten dann die Frau des Tagelöhners
Riebisch um einen Bleistift. Nachdem sie ihrer Bitte entsprochen hatte und
zum Gasthaus zurückkehrte, vernahm sie einen Pistolenschuss aus der Ferne.
Kaum war sie fünfzig Schritte gegangen, als erneut ein Schuss ertönte. Sie
lief zum See zurück, wo sie die beiden Toten erblickte. Kleist hatte zuerst
Henriette ins Herz geschossen; dann hatte er die Pistole neu geladen und
sich in den Kopf geschossen. Am Abend trafen Henriettes Mann und Peguilhen
am Tatort ein; sie hatten die Briefe inzwischen erhalten.
Bezüglich Kleist (sowie Hölderlin) schrieb Nietzsche, diese beiden «hielten
das Klima der sogenannten deutschen Bildung nicht aus» («Unzeitgemässe
Betrachtungen»). Der Selbstmord (und Hölderlins Wahnsinn) war jedoch nicht
billig zu haben; lange musste Kleist mit jenem Bildungsideal ringen, das ihm
seine Zeit darbot, lange wiegte er sich in der Illusion, dass das
bürgerliche Leben auch für ihn einen Platz reserviert halte. Als Anhänger
der Aufklärung vertraute er anfangs durchaus auf die erlösende Kraft der
Bildung, des Lebensplans, der Bestimmung. Und doch hasste er den Gedanken
daran, «weil ein natürlich heftiger Trieb im Innern mich verführt». Zu einer
Versöhnung zwischen Wissen und heftigem Trieb ist es nie gekommen. Im
Gegenteil: Die Kluft zwischen beiden wurde immer tiefer. Als sie
unüberbrückbar geworden war, begann Kleist, Stücke und Novellen zu
schreiben.
Hinter dem Gegensatz von «Wissen» und «Trieb» verlaufen jedoch noch weitere
Gegensätze. Zum einen der Widerspruch zwischen dem die bürgerliche
Lebensform akzeptierenden Gemeinschaftswesen, dem «zoon politikon», und dem
seine eigene Einmaligkeit, «Unaussprechlichkeit» radikal durchlebenden
Individuum. Zum anderen die Spannung zwischen dem Vertrauen in die
Sinnhaftigkeit und Ordnung des Daseins und der Ratlosigkeit und dem dahinter
durchschimmernden Chaos. Im Verlauf jener 1801 eingetretenen Krise, die als
«Kant-Krise» in die Kleist-Fachliteratur eingegangen ist, zerbrach sein
Vertrauen in den grossen Zusammenhang des Daseins. An seine Schwester Ulrike
schrieb er: «Der Gedanke, dass wir hienieden von der Wahrheit nichts, gar
nichts, wissen, dass das, was wir hier Wahrheit nennen, nach dem Tode ganz
anders heisst, und dass folglich das Bestreben, sich ein Eigentum zu
erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ganz vergeblich und fruchtlos ist,
dieser Gedanke hat mich in dem Heiligtum meiner Seele erschüttert - mein
einziges und höchstes Ziel ist gesunken, ich habe keines mehr.» Hier geht es
schon um mehr als nur darum, ob Kleist das Klima der deutschen «Bildung»
ausgehalten hat oder nicht. Das Vertrauen in den grossen Zusammenhang des
Daseins war nämlich nicht nur der Aufklärung eigen; vielmehr gründete die
ganze europäische Tradition darauf. Erst der Zusammenbruch dieser Tradition
hat Kleist wirklich in Verzweiflung gestürzt.
Der Tod ist der letzte Beweis für die dem Leben fehlende Gewissheit. Indem
er ihn bejaht hat, versuchte Kleist, zwei voneinander radikal abweichende,
scheinbar unvereinbare Traditionen miteinander zu verkitten. Einerseits
versuchte er zu schreiben wie Goethe, das heisst, indem ihm ständig die Idee
der Gewissheit vorschwebte, er wollte die Welt als Ganzes festhalten. Er
sehnte sich nach Totalität. Andererseits enthüllte sich ihm im Lauf seiner
sogenannten Kant-Krise, dass das Denken im grossen Ganzen, in der Totalität,
damit bezahlt wird, dass das Individuelle schliesslich verloren geht.
Kleists grosser Traum bestand darin, dem Einzelnen sein Recht zu gewähren,
das Augenblickliche endgültig zu machen. Er wollte das Ganze so fassen, dass
dabei auch das Einzelne, Persönliche, Eigene, Unwiederholbare und
Unaussprechliche ewige Gültigkeit erlangen. Er wollte die Ordnung und das
Ausserordentliche miteinander vereinen, ohne dass dabei eines der beiden
Schaden nimmt. Anders formuliert: Er versuchte, das Klassische mit dem
Romantischen zu legieren, ohne sich dem einen oder anderen zu verpflichten.
Kein Wunder, dass er es nicht lange ausgehalten hat. Er wollte Feuer und
Wasser zueinander gesellen - wollte den Tod zur beseelenden Wahrheit
umformen, während er im Leben nur die Ungewissheit, das Verderben, ja die
Vernichtung spürte. Deshalb konnte sein Tod symbolische Gültigkeit erlangen.
Was auf der Ebene des Privatlebens unzweifelhaft wie ein Bankrott anmutet,
steht symbolisch als eine ungewöhnliche Geste vor uns. Es ist ein grosser
Unterschied, ob jemand am Leben zugrunde geht oder ob er den Tod bejaht.
Kleist tat Letzteres und machte den Tod dadurch strahlend persönlich,
individuell. Das erklärt, warum gerade sein Tod der am gründlichsten
dokumentierte Abschnitt seines Lebens ist. Kleist erlangte dank seinem Tod
einen Bekanntheitsgrad, den er mit seinen Werken zu Lebzeiten nicht erlangt
hatte. «Der Tod, der mich von einer Welt erlöst, die mich tötet», hätte er
mit Georges Bataille sagen können («Die innere Erfahrung»).
Durch seinen Tod bewies Kleist, dass es im Menschen eine verborgene Reserve
gibt, über die der Tod niemals Herr werden kann - auch dann nicht, wenn
diese Reserve erst mit Hilfe des Todes ans Tageslicht gelangt. Worin diese
Reserve besteht? Stets in etwas anderem. In Empedokles' Fall im Glauben an
die Selbsterlösung. In Sokrates' Fall in der Gewissheit, dass der Mensch
auch in seinem Tod noch Angehöriger einer Gemeinschaft bleibt. In Jesu Fall
in der Gewissheit, dass niemand restlos eins mit sich ist. In Senecas oder
Boethius' Fall in der Fähigkeit, den Tod als einen Teil des Lebens
aufzufassen und damit auf die kosmischen Dimensionen des Lebens aufmerksam
zu machen. In Werthers Fall in der Leidenschaft, die das Negative des
Verzichts in die positive Geste eines Opfers umkehrt. Im Fall der grossen
Liebestode (Abélard und Héloïse, Tristan und Isolde, Pelléas und Mélisande)
in der Gewissheit, dass sich das Ich nur auf dem Umweg des Selbstverlusts
vollenden kann.
Und Kleist? Thomas Browne, der englische Arzt und Philosoph des barocken 17.
Jahrhunderts, schrieb, dass uns der Tod alles nehmen kann - bis auf eines:
die Fähigkeit zu sterben. Wie die anderen repräsentativen Toten hat Kleist
dort Heilung gesucht, wo man das am wenigsten erhoffen würde: in der
Gebrechlichkeit des Menschen. Er bejahte sie. Vielleicht bedarf das der
allergrössten Kraft. Mit dem Tod aufzuräumen, dazu reicht sie natürlich
nicht aus. Aber es reicht dazu, die Bleigewichte abzuwerfen und - um einen
von Kleist vor seinem Tod geschriebenen Abschiedsbrief zu zitieren - seine
verbleibenden Stunden als «fröhlicher Luftschiffer» zu leben.
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